23. Juli 2010: Das Feature "Knight Moves – (Personal-)Rochaden" entsteht

Wendelin Wiedeking und Holger Härter (rechts), Foto: UnitedPictures

Wendelin Wiedeking und Holger Härter (rechts), Foto: UnitedPictures

Vor der Ernennung zum zehnten deutschen Bundespräsidenten: Froh gestimmt posiert Christian Wulff (51) auf dem Porsche-Diesel-Schlepper, Foto: Pressebüro Dirk Gieschen

Vor der Ernennung zum zehnten deutschen Bundespräsidenten: Froh gestimmt posiert Christian Wulff (51) auf dem Porsche-Diesel-Schlepper, Foto: Pressebüro Dirk Gieschen

Besuch beim Großvater (1949): Ferdinand Porsche mit seinen Enkelkindern Ferdinand Alexander Porsche (li.) und Ferdinand Piëch (re.), Foto: Historisches Archiv Porsche AG

Besuch beim Großvater (1949): Ferdinand Porsche mit seinen Enkelkindern Ferdinand Alexander Porsche (li.) und Ferdinand Piëch (re.), Foto: Historisches Archiv Porsche AG

Der Patriarch: Zufrieden zeigt sich Ferdinand Piech auf dem Genfer Salon 2007, kurze Zeit später feiert der Porsche-Großaktionär seinen 70. Geburtstag, Foto: Peter Löschinger

Der Patriarch: Zufrieden zeigt sich Ferdinand Piech auf dem Genfer Salon 2007, kurze Zeit später feiert der Porsche-Großaktionär seinen 70. Geburtstag, Foto: Peter Löschinger

Vorgänger und (indirekter) Nachfolger: Ferdinand Piech (li.) war von 1993 bis 2002 Steuermann bei Volkswagen, Martin Winterkorn (re.) ist es seit 2007, Foto: Peter Löschinger

Vorgänger und (indirekter) Nachfolger: Ferdinand Piech (li.) war von 1993 bis 2002 Steuermann bei Volkswagen, Martin Winterkorn (re.) ist es seit 2007, Foto: Peter Löschinger

PORSCHE SCENE Insights

Auf den Tag genau ein Jahr nach Wendelin Wiedekings Rücktritt am 23. Juli 2009 kommentiert das Feature "Knight Moves – (Personal-)Rochaden" (veröffentlicht in PORSCHE SCENE 09/2010) die komplizierten Vorgänge rund um die veränderten Machtverhältnisse in Zuffenhausen

(verfasst am 23. Juli 2010) Macht-Wechsel in der Zuffenhausener Unternehmenszentrale: Der bisherige Porsche-Chef Michael Macht (49) wird nach knapp einjähriger Amtszeit zum Produktionsvorstand des VW-Konzerns ernannt. Er verantwortet künftig die Steuerung sämtlicher Volkswagenwerke. Sein Nachfolger ist der 57-jährige Matthias Müller, ein Vertrauter des heutigen VW-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn (63). Für Porsche-Miteigner und Volkswagen-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech (73) ist dieser Schachzug ein strategisch wichtiger Schritt auf dem Weg zur Verschmelzung beider Unternehmen. Er selbst legte 1969 dazu den Grundstein, als er das Volkswagenwerk für die Kofinanzierung des Rennsportwagens 917 gewann. Zwei Le-Mans-Siege ließen den Enkel Ferdinand Porsches in jungen Jahren zur Legende werden. Er könnte nun, nach Wendelin Wiedekings Rücktritt, einen alten Erlass von 1972 umgehen. Ferdinand Piechs Onkel Ferry Porsche und seine Mutter Louise Piech, geborene Porsche, verfügten damals nach erbitterten Streitigkeiten, dass kein Familienmitglied mehr in leitender Funktion bei Porsche tätig sein sollte. Daraufhin zog sich Piech, der Renningenieur, bei Porsche zurück. Sein weiterer Berufsweg führte ihn in die Vorstandsetagen von Audi und Volkswagen. Den Machtpoker mit Wiedeking hat er gewonnen – wohl auch, weil sich der studierte Maschinenbauer besonders gut in und mit Niedersachsen auskennt.

Es ist ein Foto von unterschätzter Symbolkraft: Christian Wulff, zum Zeitpunkt der Aufnahme Niedersachsens Ministerpräsident, auf einem roten Traktor sitzend. Bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass es sich um einen Porsche-Diesel-Schlepper handelt. Vordergründiger Anlass: eine Sommerreise, die den Landesvater zu mittelständischen Betrieben führte. So bot ein heimatlicher Spezialist für Landmaschinen und Ersatzteile seine 44 Auszubildenden und den historischen Porsche-Trecker zum Gruppenbild mit dem CDU-Politiker auf. Nur wenige Tage später wählte die Bundesversammlung Christian Wulff zum zehnten deutschen Bundespräsidenten. Der Kandidatur vorausgegangen war eine Amtsniederlegung. Einem Bundespräsidenten ist es nämlich laut Grundgesetz nicht erlaubt, im Aufsichtsrat eines gewinnorientiert arbeitenden Unternehmens zu sitzen. Und so zog sich Christian Wulff zwei Wochen vor dem (schweren) Wahlgang in Berlin als Aufsichtsrat von Volkswagen zurück. Volkswagen – Wulff – neues VW-Gesetz – Wiedeking: Diese Konstellation barg Sprengkraft. Denn eigentlich setzte der Industriemanager auf eine Abschaffung der 20-prozentigen Sperrminorität. Diese besagt, dass kein Aktionär mehr als 20 Prozent der Stimmrechte ausüben kann, auch wenn er mehr als 20 Prozent an Anteilen besitzt. Darüber hinaus besitzt das Land Niedersachsen per VW-Gesetz ein Vetorecht bei allen wichtigen Konzernentscheidungen. So kann zum Beispiel eine Übernahme blockiert werden. Am 13. November 2008 nun verabschiedete der Deutsche Bundestag einen Neuentwurf des VW-Gesetzes. Die 20-Prozent-Klausel und die Sperrminorität des Landes Niedersachsen waren unverändert enthalten.

Die Auswirkung: ein Patt. Porsche, seit 2005 an Volkswagen beteiligt, hätte das Land Niedersachsen, vertreten durch den Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) nicht überstimmen können. Doch schon bereits 2007 wuchs die Stammeinlage auf mehr als 30 Prozent des Volkswagen-Aktienkapitals. Nun hatte Wendelin Wiedeking (58) ein Problem. Der Westfale aus Ahlen hatte sein "Davidsprinzip" auf die Spitze treiben wollen und schickte sich an, Volkswagen unter seine Kontrolle zu bringen. Doch das Blatt wendete sich, das VW-Gesetz ließ sich nicht kippen. Einer feindlichen VW-Übernahme durch Porsche erteilte Landesvater Wulff eine eindeutige Absage. Porsche und VW funktionierten nur im Miteinander und nicht im Gegeneinander, ließ er sich zitieren. Und: Er, Wulff, kenne keine Tiere, "bei denen der Schwanz mit dem Hund wedelt". Am 23. Juli 2009 gab Wendelin Wiedeking dem erheblich angewachsenen Druck nach und trat als Porsche-Vorstandsvorsitzender zurück. Nach seiner Abdankung übernahm zunächst Michael Macht (49) das Ruder in Zuffenhausen. Am 1. Oktober 2010 nun wird Matthias Müller (57) die Chefetage beziehen. Der gebürtige Chemnitzer kommt – von Volkswagen. Damit ist ein strategisch wichtiger Schritt zur Verschmelzung beider Unternehmen vollzogen. "Es bleibt in der Familie!", dürfte sich einer sagen, der gekonnt die Fäden zieht und sich um einen Erlass von Ferry Porsche und Louise Piech aus dem Jahr 1972 schlängelt. Bei Porsche solle kein Familienmitglied mehr in leitender Funktion tätig sein, hieß es damals. Daran hält sich zwangsläufig auch Ferdinand Piech, Ferdinand Porsches Enkel. Der geistige Vater des Le-Mans-Siegerwagens 917 zog sich 1972 bei Porsche zurück, um bei Audi den Allradantrieb – Quattro – auf die Erfolgsspur zu bringen. Am 1. Januar 1993 trat der damals 56-Jährige die Nachfolge von Carl Hahn als Vorstandsvorsitzender bei Volkswagen an, 2002 endete diese Ära. Seitdem bleibt er als Aufsichtsratsvorsitzender des VW-Konzerns stets in Sichtweite des Geschehens.

Im Schachspiel um die Macht in Zuffenhausen und Wolfsburg ist Ferdinand Piëch die zentrale Figur. Er allein besitzt 13,16 Prozent der Porsche-Stammaktien. Unstrittig ist sein Anteil am Scheitern Wiedekings. Dessen Leidenschaft sei das Fahren historischer Porsche-Diesel-Schlepper gewesen, wird gern berichtet. Bereits 2004 erhielt die Redaktion Einblicke in ein "streng geheimes" Fotoalbum, dass den allgewaltigen Porsche-Steuermann mit einem roten Traktor auf der Großglockner-Hochalpenstraße zeigte. "Das dürfen Sie auf gar keinen Fall bringen, dann reißt er mir den Kopf ab!", lautete der Begleittext. Christian Wulff, kurz vor seiner Ernennung zum Staatsoberhaupt der Deutschen am 30. Juni 2010, statt Wendelin Wiedeking auf einem Porsche-Diesel-Schlepper fotografiert: Zufall oder feiner Nadelstich an die Adresse des Kontrahenten von gestern? Die Beantwortung dieser Frage überlassen wir dem zukünftigen Geschehen. Klären können wir, was eine (Personal-)Rochade ist: Im Schachspiel versteht man darunter die gleichzeitige, komplizierte Bewegung zweier oder mehrerer Figuren. Kompliziert, gleichzeitig – beides trifft zu. Das historische Vorbild einer Vernunftehe zwischen Porsche und Volkswagen ist 41 Jahre alt. Sie brachte den legendären Rennsportwagen 917 und gleichzeitig den VW-Porsche 914 hervor. Ferdinand Piechs 1952 verstorbener Vater, der Wiener Rechtsanwalt Dr. Anton Piëch, leitete von 1941 bis zum Ende des zweiten Weltkriegs das Volkswagenwerk. Als 31-jähriger  Leiter der Porsche-Rennabteilung erwirkte Ferdinand Piech eine VW-Beteiligung, die zwei Drittel des 917-Projektbudgets in Höhe von geschätzten 15 Millionen D-Mark (offizielle Porsche-Angabe) ausmachte. Der Kraftakt konnte beginnen, am 13. März 1969 zeigte Porsche auf dem Genfer Automobilsalon den ersten 917. "Think Big!" - welches Leitmotiv träfe besser auf den Auto-Visionär zu?

Inzwischen 73-jährig, ist Ferdinand Piech einen Kosenamen nie losgeworden: "Fugen-Ferdi". Er sei qualitätsbesessen, sagen sie ihm nach. Und Spaltmaße seien eben ausschlaggebend für die Anmutung von Qualität. Keine allzu schlechten Aussichten, dass Porsche nicht nur Porsche bleibt. Sondern nach den Sünden des preisbewussten Produzierens quer durch die Modellreihen wieder Porsche wird. Tagesaktuelle Meldung: Sämtliche Boxster werden künftig in Zuffenhausen gebaut. Das Zauberwort lautet Standortsicherung. Darum muss es auch der Politik gegangen sein. In Niedersachsen und etwas weiter östlich in Berlin.

Von: NEWSROOM SPECIAL von Carsten Krome

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