Die Leichtigkeit des Seins


0% Schnickschnack, 100% Spaß: 1996er Porsche 911 „dp-Motorsport-RSR“


Servolenkung, ABS oder ESP? Sucht man im Porsche 911 von Karl-Heinz Schmid vergebens. In seinem pistengerecht aufbereiteten Elfer gibt es nur, was das wahre Sportfahrerherz begehrt: Leistung, Leichtgewicht und eine lasziv anmutende Karosserie. Diese Mischung, in harten Fakten mit 303 PS und einem Leergewicht von 1.080 Kilogramm untermauert, sorgt bei Karl-Heinz jedes Mal aufs Neue für ein breites Grinsen. Vor allem dann, wenn er bei strahlendem Sonnenschein mit seinem rivierablauen Boliden auf die Piste geht!
Manche Autos benötigen keine auf Hochglanz polierten Typenschilder oder große Erklärungen. Sie erklären sich von selbst. Nehmen wir die rivierablaue Schönheit auf diesen Seiten. Klar, beinahe jedes Kind weiß, dass es sich hierbei um einen Porsche 911 handelt – dem Sportwagen, der bereits im Kinderzimmer im Maßstab 1:64 begeistert hat. Doch dieser hier kann mehr, wie seine aufreizende Hülle unschwer zu erkennen gibt. Er macht keinen Hehl aus seinem Charakter: Er ist ein Rennwagen für die Straße. Einer mit ganz kleinem Body-Mass-Index und richtig Schmackes in den Boxer-Muckis. Satte 303 PS treffen hier auf asketische 1.080 Kilogramm Leergewicht, ergibt ein Leistungsgewicht von 3,56 Kilogramm pro PS. Damit reißt der Elfer die Tempo-100-Marke aus dem Stand nach knapp unter vier Sekunden. Ein beeindruckender Wert für einen Porsche, der vor über 30 Jahren das Licht der (Porsche-Showroom-) Welt erblickt hat.
„Seine Geschichte beginnt, genau genommen, 1983 beziehungsweise 1984“, hält Besitzer Karl-Heinz Schmid fest. „Zumindest, so weit ich das herausfinden konnte, schließlich ist der rivierablaue 911 erst seit Herbst 2011 bei mir. Gut 15 Jahre zuvor, im Jahr 1996, ist er aus den besagten Baugruppen bei Ekkehard Zimmermann in Overrath zum dp-Motorsport RSR neu aufgebaut worden. In den Jahren danach ist der Porsche dann – vermutlich auf Umwegen – in den Besitz des Inhabers einer freien Porsche-Werkstatt in der Nähe von Weissach gelangt. Der Chef wollte sich den dp-RSR als Vollblut-Rennwagen umbauen. Wegen Zeitmangels stand sich der Elfer bei ihm jedoch die Räder mehr oder weniger eckig, sodass der Werkstattbesitzer seinen Porsche über Mund-zu-Mund-Propaganda zum Verkauf anbot. An diesem Punkt kam ich ins Spiel.“
Karl-Heinz, bekennender Porsche-Fan seit frühester Kindheit, war zu jenem Zeitpunkt im 993 Carrera 4S unterwegs. „Der 4S war das letzte Glied einer langen Reihe von Autos aus Zuffenhausen“, verrät er mit leuchtenden Augen. „Angefangen hat alles im Kinderzimmer mit zwei Elfern im Maßstab 1:64, ehe ich als junger Erwachsener mit einem 944 im Maßstab 1:1 und 163 PS losgelegt habe. Dem folgten diverse Standard-Elfer und als Krönung ein 964 Turbo sowie ein 993 Turbo mit WLS-2-Paket und 450 PS. Von manchen meiner Elfer war ich enttäuscht und verkaufte sie schnell wieder. Andere – wie die Turbos – haben sich im Nu in mein Herz gefahren. Genauso wie mein heutiger rivierablauer RSR.“
Der Kauf des blauen Sportgeräts folgte einem lang gehegten Wunsch: Karl-Heinz wollte einen Porsche fahren, der leicht, stark, schnell und mit einem Rennstrecken-tauglichen Fahrwerk ausgerüstet ist. Sein damaliger 993 Carrera 4 S passte nicht in dieses Schema. Er ließ sich zwar gut fahren, war aber aufgrund seiner Auslegung schwerer und träger als das typische Elfer-Tracktool. „Als ich vom Verkauf eines Elfers erfuhr, der meinen Vorstellungen vom idealen Porsche beinahe 1:1 entsprach, wurde ich erwartungsgemäß hellhörig“, erinnert er sich. Noch dazu, weil der Zustand des angebotenen Elfers tadellos und sein Preis fair sein sollte. „Sich so ein Auto durch die Lappen gehen zu lassen, wäre eine Sünde gewesen!“
Obwohl die versprochenen Eigenschaften – Leistung, Zustand und Preis – passten, war das Auto in Karl-Heinz’ Augen noch lange nicht perfekt. „Der Fluch der Perfektion“, gibt er zu Protokoll. „Er ist der Grund dafür, dass ich seit dem Kauf des Elfers sowohl optisch als auch leistungstechnisch einiges optimiert habe.“ Zwei der wichtigsten Aspekte waren die Gewichtsoptimierung und die Verbesserung des Fahrwerks bei Beibehaltung der Straßenzulassung des Elfers. Das Hauptaugenmerk von Karl-Heinz Schmid lag dabei auf der Erleichterung des Innenraums sowie der Karosserie. Die Fahrgastzelle des Elfers ist weitestgehend abgerüstet und auf den Stil der RS-Modelle gebracht worden. Soll heißen: Teppiche, Verkleidungen und originales Gestühl raus. Indianapolis-Sportlenkrad mit 12-Uhr-Markierung, Vievo-Schalthebel (verkürzt), Recaro-Schalensitze Typ 070.98 (FIA), 6-Punkt-Gurte von Schroth und RS-Türverkleidungen rein. Eingerahmt wird das Ganze von einem Wiechers-Überrollkäfig mit abnehmbarer Einstiegsstrebe sowie einem Leichtbau-Pedalbrett mit Fußstütze.
Diät-Aspekt Nummer zwei umfasst den bereits 1996 umgesetzten dp-Motorsport-Umbau. Die Modifikation der Außenhaut im Stil der Baureihe 964 beinhaltet laut Karl-Heinz unter anderem das dp-RSR-Lightweight-Paket inklusive Heckspoiler mit RSR-Mittelsteg vom 911 mit 3.8-Liter-Maschine oder wahlweise dem Boomerang vom GT2 Evo. Außerdem mit an Bord: eine leichte Makrolon-Verglasung. Abspeck-Hilfe Nummer drei, gleichzeitig ein angenehmer optischer Akzent, sind die vier schwarz schimmernden Ruf-Magnesium-Felgen in 9 und 12 x17 Zoll mit Vredestein Sessantra Ultrac in 245/40 und 315/35-R17 Zoll. Die Rundlinge sind nicht nur deutlich leichter als herkömmliche Alu-Felgen, sie verleihen dem Elfer zudem einen noch besseren Grip und einen tollen Look.
„Es ist aber nicht nur der Look“, betont Karl-Heinz: „Der dp-RSR fährt sich auch so, wie er aussieht. Ein weiteres Ergebnis meiner peniblen Ader.“ Soll heißen: Die Revision von Motor und Antriebsstrang sowie des Fahrwerks trägt ebenfalls zur deutlich verbesserten Performance des Elfers bei. Nachdem der 6-Zylinder-Boxer – Typ M64/01 mit 3.8 Litern Hubraum – mit einer größeren Drosselklappe, einer Motronic-Anpassung (Henni), RSR-Nockenwellen, einem Heißfilm-Luftmassenmesser, einer RSR-Riemenscheibe sowie einer größeren Ölkühlanlage bestückt worden ist, lässt er stramme 303 Pferde aufgaloppieren. Deren Kraft wird von einem G50-Schaltgetreibe mit 5 Gängen und Schaltwegverkürzung, Sachs-Rennsportkupplung, Einmassen-Schwungrad und Hinterachsdifferential mit 40-Prozent-Sperre auf die Hinterräder des Elfers übertragen.
„Danach fehlte dem Elfer nur noch ein Upgrade von Fahrwerk und Bremsen“, verrät Karl-Heinz und fasst zusammen: „So umgesetzt in Form eines H&R-Rennsportfahrwerks, verstellbaren Schwingen an der Vorder- und Hinterachse, Turbo-RSR-Stabilisatoren vorn und hinten, einer eingeschweißten Domstrebe an der Vorderachse und einer Uniball-Lagerung für das gesamte Fahrwerk. Danach ging es der alten Bremsanlage an den Kragen. Sie ist durch eine RSR-Turbo-Bremsanlage mit innenbelüfteten und gelochten Stahlbremsscheiben rundum sowie mit Stahlflex-Bremsschläuchen ersetzt worden.“
Extras wie Servolenkung, ABS oder ESP sucht man seit der Revision des Schmid’schen Elfers erwartungsgemäß vergebens. „Er ist kein Sportwagen für Einsteiger“, bestätigt Karl-Heinz augenzwinkernd. „Doch er macht unglaublich viel Spaß, sobald man sich an seine Eigenarten gewöhnt hat. Letztere resultieren daraus, dass sich das Fahrverhalten des Elfers aufgrund meiner exzessiven Leidenschaft für die Gewichtsreduzierung bei gleichzeitiger Leistungssteigerung massiv verändert hat. Das ist auch der Grund dafür, dass ich mit verschiedenen Hilfsmitteln aus dem Rennsport am Anpressdruck arbeiten musste. Dank akribischer Kleinarbeit im Ganzen ist es mir und den am Umbau beteiligten Technikern jedoch gelungen, einen absolut schnellen und gleichzeitig tadellos auf der Piste klebenden Elfer auf die Beine zu stellen, der sich vor neuen Artgenossen nicht fürchten muss!“
Um seinen Logenplatz in der Schmid’schen Garage muss sich der rivierablaue Elfer von Karl-Heinz ohnehin keine Sorgen machen. „Für mich sind die alten luftgekühlten Modelle wie mein RSR mit ihrem unverkennbaren Boxer-Sound eine wahre Freude. Und das nicht nur auf der Piste. Manchmal gehe ich nach einem stressigen Tag einfach mal in meine Garage, um mir meinen tollen blauen Elfer anzusehen. Dann fahre ich mit der Hand über seine beinahe lasziv geformten Backen und spüre die Kraft, die dieses Auto bereits im Stehen ausstrahlt. Irgendwie scheint dieser Elfer immer auf dem Sprung zu sein. Stets bereit für eine gemeinsame Ausfahrt. Mittlerweile sind wir ein richtig gutes Gespann geworden und können auch gut miteinander. Hoffentlich haben wir noch eine sehr lange, sehr schöne Zeit und vor allem kurvenreiche Zeit miteinander!“

Tech Facts
Marke: Porsche
Typ: 911
Baujahr: Bodengruppe (G-Modell) 1984, Karosserie (G-Modell) 1983; Neuaufbau 1996
Karosserie: Coupé (G-Modell)
Karosseriebauweise: selbsttragend, Stahl, dp-Motorsport-Umbau (dp-Motorsport-Umbau auf 964-Optik, RSR-Lightweight-Paket, 911-3.8-Liter-Heckspoiler inklusive RSR-Mittelsteg oder wahlweise Boomerang vom GT2 Evo, zuschaltbares Stroboskop-Bremslicht im Heckleuchtenband)
Lackierung: Rivierablau
Motor: B6-Zylinder (Typ M64/01), dp-Motorsport-/Joos-Sportwagentechnik-Umbau (Hubraum vergrößert, größere Drosselklappe, Motronic-Anpassung (Henni), RSR-Nockenwellen, Heißfilm-Luftmassenmesser, RSR-Riemenscheibe, größere Ölkühlanlage, 6,6-kg-Gelbatterie)
Hubraum: ca. 3.800 ccm
Bohrung: ca. 102 mm
Hub: ca. 76,4 mm
Verdichtung: ca. 11,0:1
Ventilsteuerung: 2 Ventile pro Zylinder, eine obenliegende Nockenwelle pro Zylinderbank (OHC),
Gemischaufbereitung: Digitales Motormanagement (Bosch DME)
Abgasanlage: handgefertigte dp-Motorsport-Anlage mit 2 x 90 mm Endrohren, 100-Zellen-Metallkatalysator,
Leistung: 303 PS
Antrieb: Hinterradantrieb, 5-Gang-Schaltgetriebe (Typ G50) mit Schaltwegverkürzung, Sachs-Rennsportkupplung, Einmassen-Schwungrad, Hinterachsdifferential mit 40-Prozent-Sperre
Vorderachse: (G-Modell) Einzelradaufhängung an Querlenkern und Dämpferbeinen, H&R-Rennsportfahrwerk, verstellbare Schwingen, Turbo-RSR-Stabilisatoren, eingeschweißte Domstrebe, Uniball-Lagerung
Hinterachse: Einzelradaufhängung an Schräglenkern, H&R-Rennsportfahrwerk, verstellbare Schwingen, Turbo-RSR-Stabilisatoren, Uniball-Lagerung
Bremsanlage: hydraulisch betätigt, RSR-Turbo-Bremsanlage, innenbelüftete und gelochte Stahlbremsscheiben rundum, Stahlflex-Bremsschläuche
Räder: Ruf-Magnesium-Felgen in 9 und 12 x17 Zoll
Reifen: Vredestein Sessantra Ultrac in 245/40 und 315/35-R17 Zoll
Interieur: dp-Motorsport-Umbau (komplett abgerüstet, Indianapolis-Sportlenkrad mit 12-Uhr-Markierung, Vievo-Schalthebel (verkürzt), Recaro-Schalensitze Typ 070.98 (FIA), 6-Punkt-Gurte von Schroth, RS-Türverkleidungen, Makrolon-Verglasung, blau hinterlegte dp-Motorsport-Armaturen, Wiechers-Überrollkäfig mit abnehmbarer Einstiegsstrebe, Leichtbau-Pedalbrett mit Fußstütze, On-Board-Feuerlöscher
Leergewicht: 1.080 kg
0-100 km/h: unter 4 Sek.

Von: Text: Marc Timmer, Fotos: Dominique Fourcade

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